15. Februar 2010

Einmischen oder nicht?

Welches Verhalten ist angebracht, wenn man nichtsahnend durch ein Schuhgeschäft läuft und seine Bahnen um die Kinderschuhregale zieht in der dringenden Hoffnung, gerade heute und jetzt noch ein paar Winterstiefel für den Sohnemann zu ergattern,

und dann plötzlich eine ältere Frau (wahrscheinlich die Oma) ihrem Kind (ca. 10 Jahre alt, wahrscheinlich der Enkel) eine runterhaut?

Das Kind wirft reflexartig und erschreckend routiniert die Arme vors Gesicht und macht keinen Mucks, lässt die agressive Schimpfattake über sich ergehen und schaut ins Nichts, als wäre es gar nicht anwesend...
Es sollte seine Schuhe ausziehen, damit Neue anprobiert werden konnten, und war offenbahr in Omas Augen nicht schnell genug gewesen.

Erschreckend fand ich vor allem den gehässigen Tonfall, mit dem die hässliche Geste verbunden war... ich konnte nicht an mich halten, und rief beschwichtigend:

"Hee..hee.. hallo! Bitte seien Sie doch etwas geduldiger mit dem armen Kind!"

Die Frau redete daraufhin in einem nicht enden wollenden Schwall auf mich und den Jungen ein... der würde DAS (was eigentlich?) ja auch absichtlich machen... der wisse schon genau, was Sache wäre.... und ausserdem wisse er ja auch, wie´s gemeint sei...
Und dann an den Jungen gewandt: haste jetzt endlich die Schuhe angezogen? Und? Wie? Steh´halt mal auf und lauf´ein bisschen!.... die Leute sollen ja nicht denken, wir könnten uns keine neuen Schuhe leisten, gell.... jetzt lauf halt mal gescheit!....
Wieder zu mir : man könnte wirklich meinen, der macht das mit Absicht! (Herrgott, WAS denn?!)

Der Bub sprach die ganze Zeit kein Wort, doch seine Körpersprache war ein einziger Hilferuf.

In diesem Moment musste ich mich dann aber wieder meiner Familie zuwenden, die endlich ein paar Stiefel gefunden hatten, und meine Meinung dazu hören wollten.

Verstohlen sah ich Oma und Enkel nach, die gemeinsam den Laden verließen - sie hatte ihn am Arm gepackt und zog ihn energisch neben sich her, während er schier willenlos mit hängenden Schultern neben ihr her trottete...

Ich fühle mich jetzt noch ganz scheußlich, während ich darüber schreibe... was ist in so einer Situation richtig? Darf man sich überhaupt einmischen?
Und dann?

Hinterher im Auto dachte ich, wie gerne ich ihm noch irgend etwas mit auf seinen Weg gegeben hätte... irgendwas, das hängen bleibt an ihm... etwas Positives, auf das er sich besinnen kann, wenn er sich wieder einmal so ungeliebt fühlt.

Ich bewundere mal wieder meine jüngere Schwester, die über ein Jahr in einem Berliner Frauenhaus gearbeitet hat, und mit wirklich schlimmen Dingen konfrontiert wurde!
Damit muss man erst mal umgehen können, habe ich heute erfahren!

Papagena

Kommentare:

  1. oh das arme kind :(
    ich habe mich auch mal eingemischt, als die mutter ihrem jungen eine runtergehauen hat. danach wär sie fast auf mich losgegangen, was mir denn einfallen würde und wo meine manieren wären. solche menschen verstehe ich einfach nicht.

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  2. ...du hast ihm doch etwas mitgegeben, du hast dich auf seine Seite gestellt, und nicht bloß zugeschaut. Ihm gezeigt, daß es noch Menschen gibt, die nicht der Meinung der Oma sind. Du hast IHN gesehen!
    Zivilchourage beginnt schon in solchen kleinen Gesten - es ist definitiv NICHT in Ordnung ein Kind zu schlagen! Du hast es wirklich RICHTIG gemacht!
    Alles Liebe
    Monika

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  3. Wie schrecklich! Ich habe direkt einen Kloß im Hals. Wie grausam manche Menschen zu ihren Kindern sein können und das im Prinzip mitten unter uns.
    Auf jeden Fall super reagiert!
    Liebe Grüße
    Susanne

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  4. Oh je, das arme Kind ! Ich finde schon, daß man dann ruhig was sagen kann und auch sollte.
    Da kann man aber nur hoffen, daß die Mutter lieber zu dem kleinen ist...

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  5. he ich bin stolz, dass du was gesagt hast, dem armen Kerl was "mitgeben" wär bestimmt super, aber was? Reicht ein Lächeln?

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  6. Liebe Papagena ...also ich hätte mich auch eingemischt ...so spontan ohne gross nachzudenken! Du hast dem Jungen dadurch etwas mit auf den Weg gegeben ...nämlich die Hoffnung das es nicht bleiben muss wie es ist ....wenn man sich wehrt!
    Das dich das noch lange beschäftigt ist klar , würde mir auch so gehen .....zudem man ja auch nicht weiss wie die Lebensumstände des armen Bürschchens sind ...ob der bei der Oma womöglich wohnen muss usw.!
    Ja also ...ich finde Du hast das richtige getan .....mag jeder für sich selber entscheiden was richtig und was falsch ist
    meint die
    Martina Paderkroete

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  7. Ja Papagena,

    schlagen ein großen Thema, welches außerdem unter Strafe steht. Du hast toll gehandelt,
    du brauchst dich nicht scheußlich fühlen.
    Solch eine Situation hattest du noch nicht,
    also konntest du nicht vorbereitet handeln.
    Ein positives Wort für den Jungen wäre toll gewesen, da hast du Recht.
    Also sollte ich einmal in dieser Situation sein, werde ich an deine Worte denken.
    Danke für das Blog.
    Deine Oppi

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  8. hmmm...ganz schlimm zu lesen : ( ja ich hätte mich auch auf jeden fall eingemischt...werde dann sogar echt sauer...allerdings...ausbaden muss es am end das kind...! finds gut,dass du was geagt hast.

    gruß
    crisl

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  9. Wirklich gute Frage! Keine Ahnung. Allein wenn ich deinen Bericht lese wird mir ganz anders. Ich schmipfe ja auch mit unserem 2-jährigen, aber hauen wär da nicht drin, schon gar nicht, nur weil er langsam ist. Dann kann ich ja auch Hand anlegen und helfen.
    Ich bin zwar ziemlich oft auch ungehalten, aber es bleibt dann einfach bei verbalem angemeckere und später sage ihm dann nochmal, wieso ich so gemeckert habe. Außerdem hilft es, wenn ich ihm schon früh sage, was wir machen wollen, dann klappt alles viel besser und stressfreier.
    Hauen ist einfach nicht drin, vorallem, weil wir ihm immer sagen, dass "Hauen nur was für Doofis" ist. Also wäre ich ja dann auch einer. Nee, sowas kommt gar nicht in die Tüte.
    Aber ich denke die ältere Generation sieht das alles ganz anders und eine Ohrfeige hat noch keinem geschadet, wie sie es dann wohl ausdrücken würden, oder eben, wie du es erfahren hast gar nicht erklären können und wollen, wieso sie geschlagen haben. Meine Oma war da auch prima drin. Nicht im Schlagen, aber im drum-herum-reden. Das war dann halt so. Punkt! Ich denke, du hast es irgendwie schon gut gemacht, denn die alte Dame hat gesehen, dass auch sie nicht einfach mit so etwas durch kommt, jedenfalls nicht ohne Kommentar eines Fremden. Gruß ines

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  10. Hallo Papagena,
    mit Herzklopfen habe ich Deinen Bericht gelesen. Da legt sich mir ein Stein aufs Herz. Ich hätte nicht anders handeln können als Du. Manchmal gelingt es noch, einen verschwörend aufmunternden Blick zuzuwerfen. Mehr weiß ich auch nicht in solchen Situationen, denn der oder die ohnehin ständig gereizte Quälgeist von (in diesem Fall wohl Oma), darf ja nicht noch mehr aufgebracht werden. Es ist beklemmend, traurig und macht hoffnungslos, zu erleben, wenn Kinder immer "runtergemacht" werden. - Du siehst, ich finde eigentlich keine passenden Worte...

    Dir liebe Grüße von
    Michaela

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  11. Auf jeden Fall immer einmischen!
    Du hast absolut richtig gehandelt. Ich denke, niemand kann dir das Verarbeiten dieser Szene abnehmen. Da musst du allein die passende Schublade für finden. Ich hab bei sowas immer wahnsinnig Mitleid und denke, wie überfordert der Erwachsene doch sein muss, wenn er so handelt.

    Eigentlich sollte man eher fragen, ob man irgendwie helfen kann, glaube ich...

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  12. Da wird mir beim lesen ganz mulmig!
    Ich finde Du hast vollkommen richtig gehalndelt und ich glaube ganz fest das dein Einschreiten bei dem Lütten hängen bleibt.
    Vielleicht wundert sich die Mama ja mal irgendwann, warum er nicht mehr zu seiner Oma will?! Man hofft ja mal das das bei ihm zuhause nicht an der Tagesordnung liegt. Aber Du kannst den Leuten nur vor den Kopp gucken...


    Liebste Grüße,Bianca

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  13. Papagena - ich bin stolz auf Dich!!! Also: Einmischen ist Pflicht. Es handelt sich um eine Straftat und da kann es nicht sein, daß man das ignoriert. Ich war mal in so einer Situation, da war es der Vater, der sein ca. 5-jähriges Mädchen ins Gesicht schlug. Ich habe mich schön aufgebaut und ihn fixiert. Er bemerkte es :" Is wat?"
    "Sie haben sich soeben strafbar gemacht!"
    "Kanst gleich auch wat vor die Fresse kriegen!"
    "Dann machen Sie sich wieder strafbar , und außerdem müßten Sie dann das Echo vertragen können!"
    Also, das Ende vom Lied war (ne, wir haben uns nicht geprügelt) das Kind streckt mir die Zunge raus. Ja toll. Aber natürlich sagt man was dazu. Dem Kind hätte ich vielleicht noch gesagt, daß es bei Kummer das Kindernottelefon anrufen kann und dann Hilfe bekommen kann. Aber solche Ideen kommen einem meist erst später. Du hast nix falsch gemacht, liebe Grüße, die Christiane

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  14. Ich finde es bewunderswert, dass du dich getraut hast! Es geht nicht um die Frage, sich einzumischen oder nicht. In dieser Situation warst du dem Schwächsten gegenüber in der Pflicht und das war der Junge. Toll reagiert!

    Hoffentlich machts die Mama und der Papa zu Hause nicht genau so wie die Oma...

    LG
    Christine

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  15. Das war sehr richtig, dass du etwas gesagt hast...danke für deinen Mut. Du hast hingesehen und nicht weggeschaut.

    LG Artista

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  16. Einmischen war richtig. Mein Gott, als Oma hauen( oder hauen ansich) würde mir nie in den Sinn kommen.Auf jeden Fall hat der Kleine gemerkt, das er jemandem wichtig war. Und zwar dir. LG Inge

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  17. Liebe Papagena, jetzt habe ich lange hin und her überlegt was wirklich hilfreich wäre in so einer Situation. Eigentlich ist das Ziel ja, diese üble Behandlung unterbrechen, nicht wahr? Ich glaube auch, dass Einmischen gut ist (eben weil zuviel weggesehen wird und so ein Kind auch mitkriegen soll, dass es noch andere Menschen gibt, die so ein Verhalten nicht gut heißen. Wenn ich jetzt allerdings mich versuche in diese alte Frau mal rein zu versetzen, dann wäre das Einmischen in Form von Kritik ein Angriff auf sie, was immer mit Gegenangriff und Rechtfertigungen, dass ein anderer schuld ist (in diesem Fall das arme Kind) gekontert wird, wie Du es ja auch erlebt hast. Ich könnte mir jetzt gut vorstellen, dass sie sich dann ertappt fühlt, ein schlechtes Gewissen bekommt und noch mehr Druck auf dieses Kind macht, womit ihm ja auch nicht geholfen ist. Vermutlich bekommt er dann später noch mehr ab von dem Zorn, der in einer solchen Person steckt. Ich denke, einmischen ist gut, vielleicht aber mehr mit als Angebot zu helfen. Sozusagen die Situation unterbrechen, wirklich insgesamt helfen kann man ja leider meistens gar nicht. Allerdings finde ich so eine Situation schon so aufregend in dem Moment, dass ich auch nicht weiß, ob ich in so einem Moment dann den "Klugscheißermodus" anwerfen könnte ;) und bekanntlich ist man hinterher immer klüger. Aber ich finde das gut, dass Du es mal so beschreibst, weil jeder kann ja in so eine Situation mal kommen und da ist es gut, sich vorher mal Gedanken gemacht zu haben..
    Auf jeden Fall bist du ganz schön tapfer und hast Zivilcourage und das ist das Wichtigste!
    Ganz liebe Grüße
    Petra

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  18. Na ich hätte mich auf jeden Fall auch eingemischt, sowas geht ja gar nicht. Hat mich total traurig gemacht, deinen Bericht zu lesen und ich finde es schlimm wie herzlos manche Menschen mit Kindern umgehen..... - man könnte fast meinen, die hätten vergessen, dass sie selbst mal Kinder waren!!!
    Hast einen tollen Blog und ich werde bestimmt öfters vorbei schauen :-) lg Gisela :-)

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