17. Mai 2015

Von Schul-Kram, der Einsamkeit im Alter, und ein erster, kleiner Rückblick auf mein Low-Carb-Jahr

Mit der kommenden Woche beginnt für uns der Endspurt vor den Pfingstferien. Merkwürdigerweise habe ich bereits jetzt schon das Gefühl, die Sommerferien stünden vor der Türe.

Vielleicht liegt es am Übertrittszeugnis, das in der 4.Klasse Anfang Mai verteilt wird, und an der einsetzenden Entspannung, nachdem schulisch alles unter Dach und Fach ist?

Die Viertklässler haben ab sofort jede Menge Spaß bis zum Schuljahresende... sie waren auf einer Sommer-Rodelbahn, im Müchner Kindertheater, und werden nächste Woche eine lange Lese-Nacht in der Schule veranstalten mit gemeinsamer Übernachtung im Klassenzimmer und Pizza für alle...
Ausserdem steht vor dem Sommer noch eine Woche Schullandheim an, auf die sich alle schon riesig freuen. So macht Schule Spaß, nicht wahr?

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Da ich zur Zeit jeden Tag brav meine Runden im Wald drehe,
mir also die Sportschuhe anschnalle und Laufen gehe,
fühle ich mich essenstechnisch auf der sicheren Seite und genieße auch mal wieder Pizza & Co.

Das ist bestimmt kein Beinbruch, dennoch versuche ich weiterhin, hier und da "unnötige" Kohlehydrate zu sparen. Auf das zusätzliche Weissbrot beim Italiener, oder das Baguette beim Grillen verzichte ich.
Irgendwann Ende Juni läuft mein selbst ernanntes "Low-Carb-Jahr" ab. Ich startete letzten Frühsommer mit dem Vorsatz, endlich mal ein ganzes Jahr lang eine Ernährungsumstellung durchzuziehen, um zu sehen, wohin mich das bringen kann.
Wie wir alle wissen, sind diese 14-Tage-Bikini-Diäten zum Scheitern verurteilt, wenn man langfristige Erfolge erzielen möchte.

Mein "Jahr" endete im Grunde schon mit Beginn der Adventszeit, also pünktlich zum Dezember.

Während ich in der ersten Advent-Woche noch brav selbstgebackene Haferkekse (gesüsst mit Trockenobst) einspeichelte,
warf ich meine Vorsätze in der zweiten Adventwoche auf dem Weihnachtsmarkt über Bord, trank klebrig-süßen Glühwein und wurde bei den ersten Plätzchen schwach...

Daheim dann das obligatorische Weihnachtsbacken mit den Kindern, Adventskalender & Co... die Feiertage, die irgendwie immer Schlemmertage sind... Ihr wisst schon.

Dass wirklich Schlimme war aber dann der Beginn des neuen Jahres.
Schlimm, weil ich sehr lange gebraucht habe, um wieder einigermaßen in die Spur zu kommen. Den Hebel umzulegen, und wieder zurück zu den zuckerfreien Leckereien zu finden, war enorm schwierig.
Erneuter Entzug, erneuter Rückfall usw.

Jetzt, wo sich der Jahres-Zyklus dem Ende zuneigt, kann ich aber sagen, dass ich mich nicht aufgegeben habe. 
In die typische Falle "jetzt ist eh schon alles wurscht" bin ich nicht getappt!

Ich empfinde das als Erfolg, denn dieser Punkt war in all den vergangenen Jahren mein Niedergang. Der Anfang vom Ende.
Und dann kam die Selbstverachtung zurück, die Versagergefühle und die verlorenen Kilos.

Dieses Mal nicht!

Bis heute bemühe ich mich jeden Tag aufs Neue, frisch und gesund zu kochen, und den Zucker auf ein Minimum zu reduzieren. Mal klappt es besser, mal gar nicht - aber ich gebe mich nicht auf.

Ich meide weiterhin fast vollständig die Waage, um zu lernen, auf mein Bauchgefühl zu hören.
Da ich neulich eine Ausnahme machte, und für eine Bestandsaufnahme auf die Waage stieg... weiß ich, dass knapp 5kg wieder drauf sind von den 11 Kilos, die ich bis November schon geschafft hatte.

Das ist einerseits ziemlich doof, andererseits spornt es mich an, weiter zu machen, statt den Kopf in den Sand zu stecken.

Mittlerweile ist mir klar geworden, WIE langwierig eine dauerhafte Umstellung von Gewohnheiten ist. Gewohnheiten und Verhaltensmuster, die man seit der Pupertät pflegt, sind nicht in wenigen Monaten vom Tisch. Im Gegenteil, ich merke immer deutlicher, dass ich neben Sport und Ernährung auch in tiefere Schichten blicken muss, wenn ich wirklich etwas verändern möchte.

Da sind einige Fragen, mit denen ich mich auseinander setze, z.B.:

Welcher Mensch wollte ich immer sein, und warum bin ich´s nicht?

Wo sehe ich mich in 5 Jahren?

Warum warte ich auf bestimmte Umstände, um mit dem "wahren Leben" zu beginnen?

Warum können Begeisterung, Leidenschaft oder Wut nicht einfach sprudeln?

Was könnte zum Vorschein kommen, wenn die Dämme brechen?

Verstecke ich mich hinter meinem Übergewicht, um bestimmte Dinge, die Mut erfordern, nicht tun zu müssen?

Warum empfinde ich mich Jahr für Jahr als zu dick und in mir selbst gefangen... während ich den gleichen Zustand rückblickend nur halb so schlimm finde? (Zum Beispiel beim Durchblättern von Fotoalben)
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Diese und andere Dinge gehen mir durch den Kopf. Ich sortiere, verwerfe, sortiere neu. Ich spüre in mich hinein, greife nach kleinen Empfindungsfetzen, um mit diesen mein großes Rätsel-Puzzle zusammenzusetzen. Ich schreibe viel, nur für mich.
Nicht alles gehört nach Außen getragen.

Vielleicht entschließe ich mich in nächster Zeit sogar, mir Hilfe bei der Beantwortung mancher Fragen zu holen.
Die Lösung, oder kitschig gesagt "der Schlüssel zum Glück" liegt in mir selbst, das ist mir deutlich bewusst.

Manchmal fühle ich mich bereits nahe dran, dann bin ich ganz warm von innen heraus vor Aufregung und Freude.
An anderen Tagen überwiegen Ängste und Sorgen, dann fühle ich mich auf einem schmalen Grat und fürchte, zu stolpern und abzustürzen.

Wer weiß, vielleicht erkenne ich viele Jahre später, dass genau DAS das Leben ist, und alles völlig normal war?
Oder ich blicke zurück und denke: "Ja genau, das waren die Jahre des Umbruchs und der Veränderung. Damals habe ich zur mir selbst gefunden."
Es bleibt auf jeden Fall spannend!

Ihr merkt es schon, es geht im Grunde genommen nicht einfach nur ums Abnehmen. Ich befinde mich vielmehr auf einer Reise zu mir selbst.
Mit dem Wunsch nach Freiheit, Leichtigkeit und Leidenschaft.
Mit dem Wunsch, so frei "von mir selbst" zu werden, dass ich endlich Zeit für Leben, Liebe und Freude habe.

Ich möchte nicht mein Leben lang um mich selber kreisen. Das wird mir langsam wirklich zu blöd!
Was war noch los in der vergangenen Zeit?

Immer wieder gab es heftige Regenschauer. Das obere Bild entstand nach einem Einkauf im Supermarkt, während ich wartete, dass der Wolkenbruch vorüber zöge, und ich trockenen Fußes zum Auto gelänge.

Ich hatte dabei eine rührende Unterhaltung mit einer alten 92-jährigen Dame neben mir. Sie nutzte die Gunst der Stunde, um sich mitzuteilen, nachdem sie seit nunmehr 20 Jahren verwitwet und einsam lebt. Zum Ende unseres Gesprächs zog sie mit zitternden Fingern ein abgewetztes Passbild in Schwarz/Weiß aus ihrer Geldbörse, um mir ihren verstorbenen Geliebten zu zeigen.
Ich sagte, dass das ein sehr fescher junger Mann auf dem Foto sei, woraufhin sie in Erinnerung versunken stolz und verliebt lächelte.
Dann ließ der Regen nach und unsere Wege trennten sich wieder.

Dass sie sich für die Unterhaltung mit mir bedankte, macht mich verlegen. Wie schrecklich muss so eine Einsamkeit im Alter sein!
Lehrer-Gespräche in zwei verschiedenen Schulen habe ich hinter mich gebracht. Gab es das Blitz-Lehrer-Dating im Fünfminutentakt früher eigentlich auch schon? Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Mutter bei uns fünf Kindern ständig in irgendwelchen Lehrersprechstunden herumgesessen hätte... ich werde sie mal bei Gelegenheit danach fragen.

Die immergleichen Dinge werden besprochen... das Kinder arbeitet schön mit/stört den Unterricht - das Kind erledigt seine Hausaufgaben zuverlässig/vergisst öfter die Haushaufgaben - das Kind beteiligt sich mit interessanten Beiträgen am Unterricht/könnte sich öfter melden und etwas beitragen - das Kind erfreut mit wunderschönen Hefteinträgen/muss an seiner miserablen Sauklaue arbeiten, die keiner lesen kann undsoweiter etcetera pepe.

Für mich sind das Dinge für die Kategorie "Wovor einen keiner warnte, als man ein Baby bekam".
Dabei war ich damals so froh, als meine eigene Schulzeit irgendwann zu Ende ging! Hätte nie gedacht, dass ich allein bei diesem Schulkorridor-Einheitsgeruch wieder Beklemmungen kriegen würde.
Nachdem ich das hier mit Entsetzen gelesen hatte, habe ich mir eine externe Festplatte besorgt, um all meine Fotos zu sichern.
Wer findet die Vogelspinne auf diesem Bild? Ich war zugegebenermaßen sehr froh über die dicke Glasscheibe, die uns trennte,
und habe mich beim Einkauf im Gartencenter dann auch lieber auf die Flora, statt die Fauna konzentriert.
Zuletzt bin auch ich dem Sukkulenten-Wahn verfallen und habe mir eine neue Tisch-Deko gegönnt. Hübsch, oder?

Kommentare:

  1. Hallo. Ich schau seit kurzem regelmäßig bei dir vorbei. Erstmal schreibst du superschön. Jetzt möchte ich dir was schreiben. Ich kenn das heute ist alles schön und morgen geht die Welt unter. Wenn es mir schlecht geht hör ich Musik und gehe raus an die Luft nehme mir ein Buch mit. Aber es kommen besser Tage und Zeiten. Glaub mir es wird besser. Und übrigens du siehst echt gut aus. Und scheiß auf die Bikini Figur.GLG Marie

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  2. Liebe Papagena, ich musste sehr lachen über die Stelle, wo du die gesunden Kekse einspeichelst. Großen Respekt für deinen Weg zu dir selbst. Ich wünsche dir sehr, dass es nicht so mühsam ist und der "Schlüssel" einfach bald passt. Von Stephan und Maria Craemer ist das Zitat: "Eisener Wille bricht auf Dauer, innere Stärke nimmt zu." Alles Liebe, Uta

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  3. Liebe Pagagena,
    das ist ein sehr ehrlicher, umfangreicher Post. Als dauerhaft Resiende auf der Suche nach sich selbst zund zigfach Diätgescheiterte kann ich deiner Vermutung nur zustimmen, dass zu viele Kilos nur ein Symptom sind, aber nicht die Ursache und deshalb auch nicht so einfach beseitigt werden können. Einmal liegt dem ein seit frühester Kindheit antrainiertes Essverhalten zugrunde, und auch das mit dem Genuß beim Essen und dem wohligen Gefühl satt zu sein verbundene Gefühl der Befriedigung und natürlich auch die Leibesfülle als Schutz - vor Entscheidungen, vor Tätigwerden, Gefühlen, Konfrontation, Änderungen. Wie Susi in "Hotel Newhampshire", die immer ein Bärenkostüm trägt, um sich zu schützen vor der Welt.
    Würden Ärzte das auch endlich mal begreifen, dann könnte Übergewicht sicherlich sehr viel sinnvoller angegangen werden, als mit sinnlosen Diäten.
    Nicht nur jahrzehntelang konditioniertes Essverhalten muss mühsam umgelernt und das eigenen Bild von sich korrigiert werden, vor allem die Seele muss erleichtert werden, bevor Übergewicht dauerhaft schwinden kann. Erst innen, dann außen. Für mich auch eine lebenslange Aufgabe. Ich drücke dir die Daumen.

    Herzlich, Katja

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